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1. EinführungBearbeiten

Mit Hilfe der althochdeutschen Ablautreihen ist es nun möglich auf die Flexionsendungen der starken Verben zu schließen. Nur so kann man eindeutige Verbformen erkennen und bestimmen, was das Grundverständnis eines Textes fördert. Wie im Neuhochdeutschen lassen sich im Althochdeutschen die Kategorien grammatische Personen (1., 2. und 3. Person), Numeri (Singular, Plural), Tempora (Präsens, Präteritum) und Modi (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ) festmachen. Lassen sich alle Kategorien konstatieren, so spricht man von finiten Verben, lassen sich weder Person noch Numerus bestimmen, so spricht man von infiniten Verben (Infinitiv und Partizipien). Auch eine analytische Tempusbildung mittels finites Hilfsverb + Infinitiv/Partizp ist bereits für das Althochdeutsche nicht untypisch.

2. Übersicht der FlexionsendungenBearbeiten

Da die Endungen der staken Verben im Althochdeutschen alle gleich sind, soll hier anhand des Paradigmas wërfan eine Übersicht erstellt werden:

Ahd.*

Ind. Präs.

Konj. Präs.

Ind. Prät.

Konj. Prät.

Inf.

wërf - an

1. Sg. '(ih)'

wirf – u

wërf - ê

warf - ø

wurf - î

2. Sg. '(dû)'

wirf - is(t)

wërf - ês(t)

wurf - i

wurf - îs(t)

3. Sg. '(er, siu, iz)'

wirf - it

wërf - ê

warf - ø

wurf - î

1. Pl. '(wir)'

wërf - ên/ - emês

wërf – ên / - emês

wurf - un

wurf - în / - îmês

2. Pl. '(ir)'

wërf - et

wërf - êt

wurf - ut

wurf - ît

3. Pl. '(sie, sio, siu)'

wërf - ent

wërf - ên

wurf - un

wurf - în

Imp. Sg.

wirf - ø

Imp. Pl.

wërf - et

Part. Präs.

wërf - enti / - anti

Part. Prät.

gi - worf - an

*ältere und jüngere Formen gemischt

Die Schreibweise mit Bindestrich sorgt für besseres Verständnis und einen leichteren Überblick, da das Grundmorphem somit von der jeweiligen Flexionsendung getrennt wird. Besonders ins Auge fällt die Doppelform in der 1. Person Plural: Langform und verkürzte Form variieren. Im Konjunktiv ist zu beachten, dass im Präsens in allen Endungen der Langvokal ê zu finden ist, im Präteritum der Langvokal î; im Auslaut werden diese Langvokale gekürzt. Zu beachten ist, dass der Imperativ Singular bei den j-Präsentien der Ablautreihe V auf -i endet.

3. Zusammenhang zwischen den Stammformen und der FlexionBearbeiten

Wie bei den Ablautreihen bereits erwähnt, stehen diese in direktem Zusammenhang zu den Flexionsendungen: Die einzelnen Teilbereiche der Flexion entsprechen einer charakteristischen Zuteilung der zugeordneten Stammform. So lassen sich mit Hilfe der Ablautreihen die folgenden Zusammenhänge bilden, die anhand des beispielhaften Paradigmas wërfan (AR IIIb: wërfan - wirfu - warf - wurfun - giworfan) verdeutlicht werden und auf alle anderen Ablautreihen - mit dem jeweiligen Stammvokal - analog übertragen werden können:

Der jeweilige Ablaut in Stammform 1 (gelb) gilt

  • im Infinitiv: wërf - an
  • im Imperativ Plural: wërf - et
  • im Partizip Präsens: wërf - enti
  • im Plural Indikativ Präsens: wërf - en usw.
  • im gesamten Konjunktiv Präsens: wërf - e usw.

Der jeweilige Ablaut in Stammform 2 (rot) gilt

  • im Singular Indikativ Präsens: wirf - u usw.
  • im Imperativ Singular: wirf - is

Der jeweilige Ablaut in Stammform 3 (lila) gilt

  • in der 1. und 3. Person Singular Indikativ Präteritum: warf - Ø

Der jeweilige Ablaut in Stammform 4 (blau) gilt

  • in der 2. Person Singular Indikativ Präteritum: wurf - i
  • im Plural Indikativ Präteritum: wurf - un usw.
  • im gesamten Konjunktiv Präteritum: wurf - î usw.

Der jeweilige Ablaut in Stammform 5 (grün) gilt

  • nur im Partizip Präteritum: gi - worf - an

Mit all diesen Informationen ist es nun möglich, starke Verben in althochdeutschen Texten grammatisch zu bestimmen (siehe Übungsbeispiel).

4. LiteraturBearbeiten

  • Bergmann, Rolf/Pauly, Peter/Moulin, Claudine (2007): Alt- und Mittelhochdeutsch. Arbeitsbuch zur Grammatik der älteren deutschen Sprachstufen und zur deutschen Sprachgeschichte. 7. überarbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen.
  • Braune, Wilhelm (1967): Althochdeutsche Grammatik. Fortgeführt von Karl Helm. Bearbeitet von Walther Mitzka. 12. Auflage. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
  • Schmid, Hans Ulrich (2009): Einführung in die deutsche Sprachgeschichte. J.B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung: Stuttgart.
  • Schützeichel, Rudolf (2006): Althochdeutsches Wörterbuch. 6. Auflage, überarbeitet und um die Glossen erweitert. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.