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1. EinführungBearbeiten

Die starken Verben im Althochdeutschen kennzeichnen sich durch die Veränderung des Stammvokals im Grundmorphem aus. Als Grundmorphem (auch Wurzel) bezeichnet man denjenigen Bestandteil des Verbs, der nach Abtrennung des Flexions- und Wortbildungsmorphems übrig bleibt und die lexikalische Bedeutung trägt. Allerdings gilt nicht für jedes Verb eine eigene Regelung für die Vokalfolge, sondern bestimmte Vokalverhältnisse wiederholen sich bei Gruppen von Verben. Im Althochdeutschen werden hierbei sieben Klassen unterschieden, woraus die sieben sogenannten Ablautreihen folgen. Mit Ablaut bezeichnet man den regelmäßigen Wechsel des Stammvokals im Grundmorphem, der auf lautliche Veränderungen im Indogermanischen zurückzuführen ist.

2. Übersicht der althochdeutschen AblautreihenBearbeiten

Die folgende Übersicht zeigt die sieben Ablautreihen (AR), die in Abhängikeit von den fünf Stammformen (Stf) aufgezeigt werden. Hieraus sind wiederum alle anderen Formen ableitbar. Es lassen sich also - mit Hilfe der Flexionsendungen und Ablautreihen - sämtliche Flexionsformen bilden, denn die Ablaute des Verbs werden in den einzelnen Teilbereichen der Flexion in einer charakteristischen Verteilung repräsentiert, was hier anhand der Farben verdeutlicht werden soll.

AR

StF Inf.

StF2

StF3 Sg. Prät.

StF4 Pl. Prät.

StF5 Part. Prät.

Kennzeichen

Übersetzung

Ia

rîtan

rîtu

reit

ritun

giritan

alle anderen

'reiten, fahren'

Ib

zîhan

zîhu

zêh

zigun

gizigan

nur vor h, w

'bezichtigen, zeihen'

IIa

biogan

biugu

boug

bugun

gibogan

alle anderen

'biegen'

IIb

biotan

biutu

bôt

butun

gibotan

nur vor h oder Dentalen (t, d, z, s)

'bieten'

IIIa

bintan

bintu

bant

buntun

gibuntan

vor n, m + Konsonant

'binden'

IIIb

wërfan

wirfu

warf

wurfun

giworfan

vor l, r + Konsonant

'werfen'

IV

nëman

nimu

nam

nâmun

ginoman

vor Sonorant (m, n, r, l)

'nehmen'

V

gëban

gibu

gab

gâbun

gigëban

vor Obstruent

'geben'

VI

faran

faru (ferist)

fuor

fuorun

gifaran

meist vor einfachem Konsonant

'fahren'

VII

râtan

râtu

riet

rietun

girâtan

'raten'

Weitere Vokale im Präsens und Partizip Präteritum von Ablautreihe VII:

râtan 'raten', heizan 'heißen', ruofan 'rufen', haltan (e) 'halten' -> a nur vor l oder n + Konsonant, loufen 'laufen' und stôzan 'stoßen'.

3. Die Kennzeichen der AblautreihenBearbeiten

Die Ablautreihen Ia und Ib unterscheiden sich nur im Stammvokal der dritten Stammform: ê statt ei, was sich auf die althochdeutsche Monophthongierung zurückführen lässt. Innerhalb dieser werden germ. ai vor r, w, h und im Auslaut zu ahd. ê und germ. au vor h und Dentalen zu ahd. ô. Ansonsten ist die Ablautfolge î - î - ei/ê - i - i für die Ablautreihe Ia typisch. Eine Auffälligkeit in Ablautreihe Ib ist der grammatische Wechsel von h zu g. Bei einigen Verben tritt zusätzlich zum Wechsel des Stammvokals eine konsonantische Veränderung auf, der sog. grammatische Wechsel. In Ablautreihe I bis V tritt der Konsonantenwechsel in Stammform 4 und 5 auf, in Ablautreihe VI und VII in den Stammformen 3, 4 und 5. Ursache hierfür ist zum einen eine stimmhafte Umgebung, zum anderen darf der Wortakzent bei einem derartigen Konsonantenwechsel nicht unmittelbar vor dem Verschiebungslaut liegen. Neben h und g sind d und t , f und b und s und r ebenfalls wechselnde Konsonanten.

Die Ablautreihen IIa und IIb unterscheidet ebenfalls nur der Vokal der 3. Stammform, also die Präteritumsform der 1. und 3. Person Singular. Die monophthongierte Form ô statt ou tritt nur vor h oder Dental auf. Die kennzeichnenden Ablaute sind io - iu - ou/ô - u - o.

In den Ablautreihen IIIa und IIIb wird deutlich, dass außer den Vokalen selbst auch noch die konsonantische Umgebung der ablautenden Vokale bei der Zuordnung von Bedeutung sind. Verben deren ablautender Vokal vor m, n + Konsonant zu finden sind, also in der sog. Nasalverbindung auftreten (Achtung: auch Geminate mm oder nn möglich!), zählen zur Ablautreihe IIIa; Verben deren ablautender Vokal hingegen in der sog. Liquidverbindung auftritt, also in Verbindung mit l, r + Konsonant (Achtung: auch Geminate ll oder rr möglich!), finden sich in Ablautreihe IIIb wieder. Die zugeordnete Ablautfolge ist i/ë - i - a - u - u/o.

Der Reihe IV folgen alle Verben mit der Ablautfolge ë - i - a - â - o, die in Verbindung mit einem Sonoranten auftreten, jedoch ohne weiteren Konsonanten.

Reihe V ist das Gegenstück zu Ablautreihe IV. Hierzu zählen nämlich alle Verben, auf deren ablautenden Vokal (ë - i - a - â - ë ) kein Nasal oder Liquid, sondern ein anderer Konsonant folgt.

Die ablautenden Vokale dieser Reihe (a - a (e) - uo - uo - a) treten in den bisherigen Reihen nicht in dieser Verteilung auf. Daher gehören hierher alle Verben mit a in Stammform 1, 2 und 5, sowie mit uo in Stammform 3 und 4.

Kennzeichnend für die Ablautreihe VII ist das ie in der Präteritumform. Die dazugehörige Ablautfolge lautet â/ei/uo/a(e)/ou/ô - â/ei/uo/a(e)/ou/ô - ie - ie - â/ei/uo/a(e)/ou/ô, d.h. dem einen Präteritumsvokal können sechs verschiedene Präsensvokale entsprechen (Tipp: Hilfreich für die Ermittlung des Präsensvokals ist die Rückführung auf die neuhochdeutsche Form!). Da diese Verben ihr Präteritum ursprünglich durch Reduplikation, also der Verdopplung des Grundmorphemanlauts (got. haita - haihait -> ahd. heizu - hiez), bildeten, wird die Ablautreihe VII in der Literatur häufig als Gruppe der reduplizierenden Verben bezeichnet und nicht als AR VII.

4. Besonderheiten in den Ablautreihen bzw. StammformenBearbeiten

  • Besondere Verben der IV. Ablautreihe

Wie beschrieben sortieren sich die Verben, deren Grundmorphem auf einfachen Nasal (m, n) oder Liquid (l, r) ausgeht, in die Ablautreihe IV ein. Daneben gibt es noch einige Verben, deren Grundmorphem auf -hh ausgeht und ein Verb auf -ff. Die wichtigsten sind brehhan, sprehhan, stehhan, treffan. Als beispielhafte Ablautreihe soll sprehhan - sprihhu - sprah - sprâhhun - gisprohhan gelten. Eine Auffälligkeit hierbei ist die Degemination des Doppelkonsonanten im Auslaut. Eine Einordnung dieser Verben ist sinnvoll und richtig, wenn man die neuhochdeutsche Partizipform (gebrochen, gesprochen, gestochen, getroffen -> o in Stammform 5) heranzieht.


  • Die j-Präsentien der V. und VI. Ablautreihe

Innerhalb dieser beiden Ablautreihen gibt es je drei Verben, die zu den normalen Formen im Präteritum einen abweichenden Vokal in der Präsensform aufweisen: In der V. Ablautreihe erscheint i statt e und Gemination des vorausgehenden Konsonanten (Grund ist der germanische i-Umlaut), in der VI. Ablautreihe e statt a und zum Teil Gemination des Konsonanten im Auslaut des Grundmorphems (Grund hier ist der Primärumlaut). Ursache für diesen Vokalwechsel ist also das indogermanische *i-Suffix bei der Präsensbildung, das im Gotischen als j erscheint und deshalb zur traditionellen Bezeichnung j-Präsentien führt. Die Infinitivendung lautet bei diesen Verben -en statt -an. Da es wirklich nur sechs dieser "Sonderverben" gibt, prägt man sich diese am besten seperat ein:

Für die Ablautreihe V (i statt e):

Stf 1

StF 2

StF 3

StF 4

StF 5

Kennzeichen

Übersetzung

bitten

bittu

bat

bâten

gibetan

vor Obstruent

'bitten'

liggen

liggu

lag

lâgun

gilegan

'liegen'

sizzen

sizzu

saz

sâzun

gisezzan

'sitzen'


Für die Ablautreihe VI (e statt a):

Stf 1

StF 2

StF 3

StF 4

StF 5

Kennzeichen

Übersetzung

heffen

heffu

huob

huobun

irhaban

meist vor einfachem Konsonant

'heben'

skepfen

skepfu

skuof

skuofun

giskaffan

'schaffen'

swerien

sweriu

swuor

swuorun

gisworan

'schwören'

(Achtung: Grammatischer Wechsel bei heffen!)


  • Umlautende Verben der VI. und VII. Ablautreihe

Betroffen von diesem Phänomen sind die Verben faran (AR VI) und haltan (AR VII) mit kurzem a als Wurzelvokal, also nicht alle Verben der Ablautreihe VII. In der 2. und 3. Person Singular tritt eine Vokaländerung von a zu e auf, jedoch nicht vor -ht- und -hs- sowie vor Konsonant + w (beachte: im oberdeutschen Raum werden auch andere Konsonantenverbindungen ausgeschlossen). Ursache für die Umlautbildung ist das Phänomen des Primärumlauts, der erste im Althochdeutschen graphisch angezeigte Umlaut eines kurzen a vor i, j in der Folgesilbe.


  • Die Präfigierung des Partizip Präteritum

Die meisten einfachen Verben bilden das Partizip Präteritum (Stf 5) mit dem Präfix gi- (neman - ginoman). Präfigierte Verben behalten ihr Präfix im Partizip bei ohne das zusätzliche gi- (firneman - firnoman), denn sie sind bereits durch ihr festes Präfix perfektiviert. Zusammengesetzte Verben fügen das gi-Präfix zwischen Bestimmungswort und Grundwort ein (abaneman - abaginoman). Kein gi- tritt auf bei Verben deren perfektivische Bedeutung schon im Wort allein liegt, d.h. Verben, deren Handlung eine Abgeschlossenheit ausdrückt. Beispielsweise das Wort findan ist von sich aus perfektiv, schließlich bezeichnet es den erfolgreichen Abschluss des Suchvorgangs. Weitere sog. perfektive Verben sind findan - funtan, queman - queman/quoman, treffan - troffan, werdan - wortan, bringan - brâht. (Achtung: grammatischer Wechsel bei findan und werdan!)

5. LiteraturBearbeiten

  • Bergmann, Rolf/Pauly, Peter/Moulin, Claudine (2007): Alt- und Mittelhochdeutsch. Arbeitsbuch zur Grammatik der älteren deutschen Sprachstufen und zur deutschen Sprachgeschichte. 7. überarbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen.
  • Braune, Wilhelm (1967): Althochdeutsche Grammatik. Fortgeführt von Karl Helm. Bearbeitet von Walther Mitzka. 12. Auflage. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
  • Schmid, Hans Ulrich (2009): Einführung in die deutsche Sprachgeschichte. J.B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung: Stuttgart.
  • Schützeichel, Rudolf (2006): Althochdeutsches Wörterbuch. 6. Auflage, überarbeitet und um die Glossen erweitert. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.