FANDOM


Die Merseburger ZaubersprücheBearbeiten

Als Merseburger Zaubersprüche wurden zwei in althochdeutscher Sprache verfasste Zauberformeln bekannt, die in einer Handschrift der Merseburger Dombibliothek überliefert sind. Der erste Zauberspruch soll einem gefesselten Gefangenen helfen, seinen Feinden zu entfliehen. Der zweite Zauberspruch dient der Heilung eines Pferdes mit gebrochenem Bein.

Merseb1o

Hs. Dombibliothek Merseburg, Cod. I, 136, fol. 84r. Die Merseburger Zaubersprüche umfassen die Zeilen 1-12.

Forschungsgeschichte

Beide Zaubersprüche wurden 1841 von dem Historiker Georg Waitz (1813-1886) auf dem Vorlageblatt einer Gebetssammlung aus dem 9. Jh. n. Chr. entdeckt. Seinen Fund meldete er an Jacob Grimm (1785-1863), der heute als Begründer der Germanistik gilt. Grimm publizierte die Merseburger Zaubersprüche 1842 erstmals als „gedichte aus der zeit des deutschen heidenthums“. Bis ca. 1880 standen in der Forschungsgeschichte der Merseburger Zaubersprüche Textverständnis sowie grammatische und mythologische Fragestellungen im Mittelpunkt. Die Zaubersprüche spielten eine Rolle bei der gerade entstehenden deutschen Nationalliteratur und wurden ab 1890 in die Mythenforschung einbezogen. Zwischen 1900 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges waren Einzelprobleme und mythologische Deutungen Forschungsgegenstände. In den 1920ern und in der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Merseburger Zaubersprüche ebenso wie andere althochdeutsche Textzeugen propagandistisch benutzt, um an den „geist des germanischen heldentums“ (Heinrich Vogt, 1928) zu appellieren.

Seit den 1960ern wurden die Merseburger Zaubersprüche in größere Zusammenhänge wie indogermanische Parallelen und die Volkskunde einbezogen, ab den 1970ern wurden auch archäologische Funde aus der Völkerwanderungszeit beachtet. Die aktuelle Forschung beschäftigt sich v.a. mit sprachwissenschaftlichen Aspekten.

Der Erste Merseburger ZauberspruchBearbeiten

Eiris sazun idisi, sazun heraduoder.
Suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuonio uuidi.
Insprinc haptbandun, inuar uigandun! H

„Einst saßen Isidi, saßen auf den Kriegerscharen. / Einige fesselten einen Gefangenen, einige hemmten die Heere. / Einige zertrennten ringsherum die scharfen Fesseln. / Entspringe den Fesseln, entfahre den Feinden!“ (W. Beck, 2003).

KommentarBearbeiten

idisi: ahd. itis ist die Bezeichnung für eine verehrungswürdige Frau. Die idisi im 1. MZ wurden in der Forschungsgeschichte mit den altnordischen dísir (eine Gruppe von Göttinnen), den Walkyren und den gallisch-römisch-westgermanischen Matronen (Muttergottheiten) identifiziert.

heri lezidun: „Hemmen der Heere“ meint das Phänomen der Heerfessel, bei dem es sich wohl um eine Schrecklähmung oder Kataplexie handelt.

H: Deutung als lateinisches H oder Rune. Unklar, ob es sich um die Abkürzung des Dichter- oder Schreibernamens oder um einen Platzhalter für den Namen des zu befreienden Gefangenen handelt. Vielleicht die Abkürzung für lat. enim „auf jeden Fall, fürwahr, in der Tat“ als bekräftigende Konjungktion am Ende des Zauberspruches.

Zum Inhalt des 1. MZBearbeiten

Die historiola (Erzählung eines mythischen Präzedenzfalles) des 1. MZ berichtet von den idisi auf einem Schlachtfeld: Einige der geheimnisvollen Frauen fesseln einen Gefangenen (hapt heptidun), andere von ihnen lähmen ein oder mehrere Heere (heri lezidun), die dritte Gruppe zerschneidet Fesseln (clubodun umbi cuonio uuidi). Daraufhin folgt die incantatio (Zauberformel, die den Spruch wirksam macht): „Entspringe den Fesseln, Entfahre den Feinden!“ (insprinc haptbandun, inuar uigandun). Diese Formulierung legt nahe, der Zauberspruch habe die Befreiung eines Gefangenen zum Zweck.
Aus dem Althochdeutschen sind ansonsten nur heilende Zauber- und Segenssprüche überliefert, so dass die kriegerische Thematik des 1. MZ einzigartig ist. Für den 1. MZ wurde ebenfalls versucht, eine medizinische Deutung zu finden: Die uigandun wurden als „böse Dämonen“ und die haptbandun als symbolische „Fesseln einer Krankheit“ aufgefasst, bei der es sich um Epilepsie handeln soll. Althochdeutsche Zaubersprüche gegen die Epilepsie sind „Pro cadete morbo“ und „Contra caducum morbum“.
Ein weiterer Deutungskontext für den 1. MZ ist die Geburtshilfe; bei den Fesseln handelt es sich somit um den Mutterleib, der ein Kind vor der Geburt einschließt.
Da aber die historiola und der Zauberzweck eines Spruches i. d. R. analog lauten, sind die Deutungen als Heilzauber unwahrscheinlich.
In den Bereich des Kriegerischen gehören auch andere althochdeutsche Sprüche zur Heilung von Blutungen und Verletzungen, z. B. „Straßburger Blutsegen“, „Bamberger Blutsegen“.
heri lezidun bezieht sich in diesem Kontext wohl auf das aus skandinavischen Quellen bekannte Phänomen herfjöturr „Heerfessel“, das die Lähmung eines feindlichen Heeres darstellt. Die heutige Medizin nennt diese Erscheinung Kataplexie (Schrecklähmung) – dem frühmittelalterlichen Weltverständnis nach kam eine solche Lähmung durch magische Praktiken zustande. Der Glaube an die Macht des Wortes ist mittels Quellen gut belegt. Auch in der skandinavischen Lieder-Edda kommen „Lösezauber“ (leysigaldr) vor, in deren Kontext der 1. MZ einzuordnen ist.

Der Zweite Merseburger ZauberspruchBearbeiten

Phol ende Uodan uuorun zi holza.
Du uuart demo Balderes uolon sin uuoz birenkict.
Thu biguol en Sinhtgunt, Sunna era suister,
thu biguol en Friia, Uolla era suister, thu
biguol en Uuodan, so he uuola conda:
Sose benrenki, sose bluotrenki,
sose lidirenki:
Ben zu bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin!

„Phol und Wodan begaben sich in den Wald. Da wurde dem Fohlen Balders der Fuß eingerenkt. Da besangen ihn [das Fohlen] Sinhtgunt und Sunna, ihre Schwester. Da besangen ihn Friia und Volla, ihre Schwester. Da besang ihn Wodan, so wie er es gut verstand: Wenn Knochenrenkung, wenn Blutrenkung, wenn Gelenkrenkung: Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Glied! So seien sie zusammengefügt!“ (W. Beck, 2003).

KommentarBearbeiten

Phol: höchstwarscheinlich Balders Beiname, wie skandinavisch Falr, Fjalarr. Sämtliche Erklärungen (Phol als männliches Pendant zu Volla, als Fohlen, als Apostel Paulus) sind hypothetisch. Das über dem o nachgetragene h ist ein Hinweis, dass es es eine schriftliche Vorlage für die Merserburger Zauberspüche gab.

Wodan: ahd. Wuotan entspricht dem nordgermanischen Gott Odin. Odin hat vielerlei Funktionen: Gott der Magie, Kriegsgott, Totengott, Dichtergott, Göttervater. Im 2. MZ tritt Wodan als heilkundiger Gott auf (wie auch der altenglische Woden). - Dazu schreibt Kluge: Etymologisches Wörterbuch (Stichwort 'Wut'): Wahrscheinlich gehört zur selben Sippe [also 'Wut'] der Göttername Wodan (ahd. Wuotan, asächs. Wôdan, ags. Wôden, anord. Ôdinn), der dem Mittwoch [...] seinen germanischen Namen gegeben hat: niederl. Woensdag, altfries. Wônsdei, angels. Wôdnesdæg [neuenglisch Wednesday] anord. Ôdinsdagr [neudän. onsdag]. - Wodan heißt also: der Wütende.

Sinhtgunt: Name einer ansonsten unbekannten Göttin. Bedeutung des Namens ist unklar: „Wegkämpferin?, die nächtlich Kämpfende?“ Weil Sinhtgunt als Schwester der Sunna genannt wird, wurde sie als Mondgöttin interpretiert. Mögliche nordgermanische Äquivalente könnten die Göttinen Sigyn, Nanna und Gná sein.

Sunna: Name einer ansonsten unbekannten Göttin. Die Bedeutung des Namens „Sonne“ erlaubt die Deutung als Sonnengöttin oder Personifikation der Sonne.

Friia: entspricht der nordgermanischen Göttin Frigg. Friia ist die Gemahlin Wodans. Ihr Name hat sich in Freitag erhalten.

Volla: entspricht der nordgermanischen Göttin Fulla. Volla wird als Göttin der Fülle oder als Hypostase (Erscheinungsform) der Frigg/Freyja gedeutet.

biguolen: ahd. bigalan „besprechen, besingen“. Hieraus wird der Rückschluss gezogen, dass die Vortragsweise der Merseburger Zaubersprüche das Rezitativ (Sprechgesang) war.

Zum Inhalt des 2. MZBearbeiten

Die historiola des 2. MZ ist ausführlicher und komplexer gestaltet als die des 1. MZ: Der aus der germanischen Mythologie bekannte Wodan und ein ansonsten unbekannter Gott Phol begeben sich in den Wald. Aus dem Wortlaut des Spruches lässt sich nicht ableiten, dass sie beritten sind. Im Wald wird dann dem Fohlen des Gottes Baldere der Fuß, d. h. der Huf, eingerenkt. Wie es zur Verletzung kam, bleibt ungenannt. Vier weibliche Gottheiten - Sinhtgunt, Sunna, Friia und Volla - versuchen die Heilung, die aber erst Wodan, „der es wohl verstand“ (so he uuola conda) durch einen Zauberspruch gelingt.

Der hohe Wert des 2. MZ für die Religionsgeschichte liegt v.a. in der Nennung von sieben Göttern, von denen nur Wodan und Friia mit ihrer skandinavischen Bezeichnung (Óđinn und Frigg) auch in kontinentalgermanischen Quellen belegt sind. Die Göttin Volla und der Gott Balder sind sonst nur aus der skandinavischen Mythologie (Fulla und Baldr) der Lieder-Edda und des Snorri Sturluson bekannt. Die Göttin Sunna kann mit der nordgermanischen Göttin Sol verglichen werden. Die Göttin Sinhtgunt und der Gott Phol sind ausschließlich aus dem 2. MZ bekannt.
Da die historiola eine kleine Erzählung enthält, wurden in der Romantik naturmythologische Deutungen vorgenommen, es handle sich im einen Jahreszeiten-, Tageszeiten- oder Sonnenmythos.

Die spätere Interpretation sah in dem 2. MZ einen Baldermythos, der auch heute noch eine beliebte Deutung ist. Dabei wird jedoch zwischen dem Balder des 2. MZ und de nordgermanischen Balder unterschieden. Der Tod Balders ist in der nordischen Mythologie zusammen mit der Fesselung Lokis eine Vorbedingung für das Endschicksal der Götter, Ragnarök. Balders Tod musste deshalb verhindert werden, den er zudem selbst in seinen Träumen vorhersah. Balders Mutter Frigg (= Friia im 2. MZ; nicht Freyja!) ließ einen Eid von allen Lebewesen ablegen, ihrem Sohn kein Leid zuzufügen. Da aber die Mistelpflanze vom Eid nicht betroffen war, gelang es Loki, den blinden Hödr (Balders Bruder) zu überreden, sie als Waffe gegen Balder zu verwenden. In Analogie zu Balders bösen Träumen wird das gestrauchelte Fohlen als Vorzeichen für Balders Tod und Ragnarök gesehen. Ragnarök ist die Voraussetzung für die Entstehung einer neuen Welt nach dem Tod der alten Götter. Deren Söhne überleben Ragnarök, so dass Balder und Hödr aus dem Totenreich auf die Erde zurückkehren können. Durch die Gleichsetzung der Auferstehung des Balder mit der Gesundung des Fohlens im 2. MZ kann die Heilung von Balders Fohlen aus Vorausdeutung von Balders Wiederkehr gedeutet werden. Problematisch ist, dass der Mythos von Balders Rückkehr vom Tod nur für Skandinavien zu belegen ist, nicht aber für den kontinentalgermanischen Raum, so dass diese Deutung rein spekulativ bleibt.

DatierungBearbeiten

Die Datierung der Merseburger Zaubersprüche ist umstritten und schwankt bei den Angaben vom 2. Jh. n. Chr. bis zum 9. Jh. n. Chr. Die Bezüge zur vorchristlichen germanischen Religion sind ein wesentliches Merkmal der MZ, jedoch ergibt sich dadurch nur ein sehr großer möglicher Entstehungszeitraum. Die aktuelle Forschung vermutet die Entstehung der MZ in zeitlicher Nähe zu ihrer Niederschrift, nämlich frühestens die Zeit der Mission Bonifatius vor 750 n. Chr.

Vertonung und bildliche DarstellungenBearbeiten

Zu den bekanntesten musikalischen Umsetzungen der Merseburger Zaubersprüche gehören die Versionen der Mittelalter-Bands Ougenweide, Corvus Corax und In Extremo.

Ougenweide, 2. MZ: http://www.youtube.com/watch?v=jhBuT_b5Uc8

In Extremo, 2. MZ: http://www.youtube.com/watch?v=XyaDuLHzj7o&feature=related

Die frühesten bildlichen Darstellungen der Merseburger Zaubersprüche finden sich in dem 1901 erschienenen Buch Walhall. Die Götterwelt der Germanen von Wilhelm Ranisch, das von Emil Doepler (1855-1922) illustriert wurde. Zu jedem der Zaubersprüche gibt es ein Bild:

Idise klein

Idise. Illustration des 1. MZ von Emil Doepler.

Wodan heilt Balders Pferd klein

Wodan heilt Balders Pferd. Darstellung des 2. MZ von Emil Doepler.







Abbildungen:

http://en.wikipedia.org/wiki/File:Idise_by_Emil_Doepler.jpg

http://en.wikipedia.org/wiki/File:Wodan_Heilt_Balders_Pferd_by_Emil_Doepler.jpg

QuellenBearbeiten

Abbildung der MZ: http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/ahd/mersebg/mersebg/merseb1o.jpg

Beck, Wolfgang: Die Merseburger Zaubersprüche. Imagines Medii Aevi 16 (Reichert, Wiesbaden: 2003).

Beck, Wolfgang unter Mitarbeit von Cottin, Markus: Die Merseburger Zaubersprüche. Eine Einführung. Kleinere Schriften der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz, Band 8. (Imhof, Petersberg 2010).

Müller, Stephan: Althochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie (Reclam, Stuttgart: 2007). S. 270 f., 391-394.