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In der Zeit zwischen ca. 800 und 1500 erlebte das Erzbistum Trier auf dem Gebiet der Literatur eine intensive Entwicklung. Mittelpunkt dieser kulturellen Entfaltung war der Sitz des Erzbischofs, um den sich ein weit verzweigtes Netzwerk aus Abteien, Klöstern und Stiften formte, deren sich der Bischof in Form von Kanzleien, Schreibstuben oder Bildungseinrichtungen bediente. Das bekannteste Beispsiel ist wohl die Abtei Trier-St. Matthias, innerhalb deren Mauern die erste "offizielle" Geschichte der der Stadt Trier enstand, die Gesta Treverorum. Daneben entstanden unzählige kleinere Textdenkmäler, unter ihnen auch mehrere Zauber- und Segenssprüche. Aus diesen sollen im folgenden einige exemplarisch dargestellt werden.

Der SegenBearbeiten

Der Begriff "Segen" (althochdt. segan, lat. signare für "zeichnen", "mit dem Zeichen [des Kreuzes] versehen") bezeichnet ein Gebet oder einen Ritus, durch den Personen oder Sachen Anteil an göttlicher Kraft oder Gnade bekommen sollen. Ein Segen als symbolische Reinigung stand im Mittelalter höher als die physische Reinigung. Wenn beispielsweise Mäuse ins Weinfass gefallen waren, könne, so glaubte man, der Segen des Priesters den Wein "reinigen". Dahinter stand die Auffassung, dass Reinheit sich nicht herstellen lässt, sondern stets als Gnade empfangen wird. Moderne Hygenevorstellungen setzten sich erst im 19. Jahrhundert gegen die Vorstellung unangreifbarer symbolischer Reinheit durch.

Der "Erste Trierer Blutsegen"Bearbeiten

Blutsegen

Blutsegen

Der "Trierer Blutsegen" wird auch der Erste Trierer Spruch genannt. Es handelt sich um einen in einer Handschrift d es 10. Jahrhunderts überlieferten altsächsischen Segen zum Stillen von Blutungen. Blutsegen, der nur einen von vielen änlichen Wund- und Heilsegen aus dieser Zeit darstellt, steht auch unter dem Titel "Ad catarrum dic" (dt. "Gegen das Herabfließen [des Blutes] sprich").






Der Text des "Blutsegens" lautet:

Ad catarrum dic /
C'rist uuarth giuunt: / tho uuarth he hel gi ok gisund.
that bluod forstuond: / so duo thu bluod.
Amen ter. Paternoster ter.

Übersetzung:

Christus wurde ve rwundet, da wurde er [wieder] heil und gesund.
Das Blut blieb stehen: so tu [auch] du, Blut!
Amen, dreimal. Vater unser, dreimal.

Die Ansichten über den Ursprung des "Trierer Blutsegens" gehen ziemlich auseinander. Einerseits könnte eine Begebenheit aus dem Leben Jesu geschildert werden, eine Wundertat, bei der er verwundet wurde, die Wunde ihm aber nichts anhaben konnte und sofort wieder verheilte. Andererseits verleihen lediglich das Auftreten Christi als "Hauptfigur" des Segensspruchs und das "Amen" bzw. "Vater unser" am Schluss dem Segen eine christliche Färbung. Auch der Endreim will nicht so recht ins Schema eines Zauberspruchs passen. Es könnte daher auch eine bewusste christliche Umgestaltung einer viel älteren germanischen Vorlagen stattgefunden haben.

Die Wirkung des Segensspruchs bleibt in jedem Fall gleich. Es wird beschrieben, wie Christus verwundet wird und die Wunde sofort wieder verheilt. So wie Christus gesund wird soll nun durch rezitieren des Spruchs, quasi per Analogie, der Ausführende geheilt werden.

Der "Trierer Pferdesegen"Bearbeiten

Pferdesegen

Pferdesegen

Auch vielfältige Zauber- und Segenssprüche zu und über Pferde sind aus dem Mittelalter erhalten. Diese Tatsache ist jedoch nicht weiter verwunderlich, führt man sich vor Augen, welchen Wert ein Pferd in der damaligen agrar-ökonomisch strukturierten Gesellschaft besaß. Außerdem besaßen Pferde als Fortbewegungsmittel große Bedeutung in adligen Kreisen und im Militär.

Der "Trierer Pferdesegen", auch Zweiter Trierer Spruch genannt, trägt die Überschrift "Incantatio contra equorum egritudinem quam nos dicimus spurihalz" (dt. "Zauberspruch/Beschwörung gegen die Pferdekrankheit, die wir das 'Lahmen' nennen"). Im Gegensatz zum "Trierer Blutsegen" ist er in Prosaform gefasst.


Der Text des "Trierer Pferdesegens":

Incantatio contra equorum egritudidem quam nos dicimus spurihalz: Quam Krist endi sancte Stephan zi ther burg zi Saloniun; thar uuarth sancte Stephanes hros entphangen. Soso Krist gibuozta themo sancte Stephanes hrosse thaz entphangana, so gibuozi ihc it mid Kristes fullesti thessemo hrosse. Paternoster.
Uuala Krist thu geuuertho gibuozian thuruch thina gnatha thessemo hrosse thaz antphangana antha thaz spurialza, sose thu themo sacte Stephanes hrosse gibouztos zi thero burg Saloniun. Amen.

Übersetzung:

Spruch gegen die Pferdekrankheit die wir Spurihalz ["Lahmen"] nennen: Christus und Sankt Stephan kamen zur Stadt Saloniun; da zog sich das Ross Sankt Stephans eine Erkrankung zu. So wie Christus dem Ross Sankt Stephans die Erkrankung heilte, so heile ich mit der Hilfe Christi diesem Ross die Erkrankung. Vater unser.
Wohlan, Christus, mögest du durch deine Gnade diesem Ross die Erkrankung oder die Lähmung heilen, wie du das Ross Sankt Stephans bei der Burg Saloniun geheilt hast. Amen.

Der Beschwörungsteil des "Trierer Pferdesegens" ist dem in etwa zeitgleich entstandenen, aber völlig heidnischen "Zweiten Merseburger Zauberspruch" überaus ähnlich sowohl was die Form, als auch den Inhalt betrifft. Die Frage nach dem Verhältnis der beiden Sprüche wird unterschiedlich beantwortet: Geht man davon aus, dass der "Trierer Pferdesegen" eine Art christlicher Abkömmling des Merseburger Pferdesegens ist, würde dies faktisch eine jüngere Entstehung des Spruchs bedeuten. Daneben findet sich aber auch die Auffassung, der Trierer Spruch gehe auf eine viel ältere altsächsiche Vorlage zurück. Es ist allerdings nicht undenkbar, dass beide Texte gänzlich unabhängig voneinander enstanden sind.

Die "Trierer Teufelssprüche"Bearbeiten

Einen ganz anderen, aber nichts desto weniger interessanten Inhalt besitzen zwei Reimpaarsprüche, die in einer Handschrift des späten 9. sowie in einem Kodex aus dem 10./11. Jahrhundert überliefert sind und als die "Trierer Teufelssprüche" bezeichnet werden. Besonders spannend ist die Tatsache, dass einer der beiden Sprüche in einer Geheimschrift verfasst wurde. Die bereits erwähnte Handschrift, die diesen Spruch enthält, stammt aus dem Trierer Kloster St. Eucharius (heute: St. Matthias). Durch ihn erbittet der Ausführende um die Hilfe Christi gegen den Teufel.

Der Text des Trierer Spruchs gegen den Teufel:

nx vukl lkh. bidbn. dfnrkkhchbn.crkst
thfmbnnflkh chfs. chekst. thfrdfn. dkv
vfl. gkbbnt. isknfn nampn.xxkllkhgbn
ixvuklkh. thfn. xrfidpn. slbhbn.mkt
tfn cplbpn

Die hier verwendete Geheimschrift wurde in der Karolingerzeit häufig verwendet. Sie basiert auf dem Prinzip, die Vokale durch die jeweils folgenden Konsonanten zu ersetzen. Transkribiert er gibt sich dabei folgender Text in mittelfränkischer Sprache:

Nu vuillih bidan den rihchan Crist
the mannelihches chenist
ther den div/vel gibant
in sinen namon uuillih gan
nu vuilih then ureidon
slahan mit/ten colbon.

Übersetzung:

Nun will ich bitten den mächtigen Christus,
der der Menschen Heil ist,
der den Teufel gebannt hat.
In seinem Namen will ich gehen;
nun will ich den Abtrünnigen
schlagen mit der Keule.
Trierer teufelsspruch

Trierer Teufelsspruch







Wahrscheinlich nimmt der Spruch Bezug auf den Abfall der Engel von Gott ("Sündenfall") und den Sieg Christi über den höchsten der gefallenen Engel, Luzifer, bei der Höllenfahrt und dessen Bannung in die Unterwelt. Daher wird nun Christus um Hilfe beim "Verprügeln" des Teufels gebeten.

Der zweite "Trierer Teufelsspruch" liegt heute im British Museum in London. Die lateinische Sammelhandschrift, der er entstammt, gehörte ursprünglich der Trierer Abtei St. Maximin. Der Kodex beinhaltet einen lateinischen Spruch mit dem Titel "Formidari diabolus non debet qui nihil nisi p[er]missus ualet." und eine beigefügte Übersetzung in althochdeutschen Reimversen. Der Inhalt des Spruchs richtet sich gegen die Furcht vor dem Teufel. Er besagt, dass der Teufel nichts bewirken könne als das, was Christus ihm zugesehe.

Der Text des "Trierer Spruchs zum Trost gegen den Teufel":

Ni sal nieman the diubal uorhtan,
uuanda her ne mach manne scada sin, iz nihengi imo use druhttin.

Übersetzung:

Es braucht niemand den Teufel zu fürchten,
denn er vermag dem Menschen nur zu schaden, wenn es ihm unser Herr gestattet.

QuellenverzeichnisBearbeiten

  • Michael Embach: Trierer Literaturgeschichte. Das Mittelalter. Geschichte und Kultur des Trierer Landes/Band 8 (Kliomedia, Trier: 2007)
  • Roswitha Wisniewski: Deutsche Literatur vom achten bis elften Jahrhundert. Germanistische Lehrbuchsammlung/Band 28 (Weidler, Berlin: 2003)

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